Selbständig oder angestellt?

Diese Frage hat sich sicherlich so mancher schon mal gestellt. Und in der Tat bieten ja einige Tätigkeitsfelder wie z.B. der Vertrieb die Chance, je nach persönlicher Vorliebe in jeder dieser beiden Formen zu arbeiten. Was also sind die wesentlichen Unterschiede – und, vielleicht noch wichtiger, was sind die Gemeinsamkeiten?

 

Fangen wir mal mit der Tätigkeit als Angestellter an. Der erste Vorteil liegt klar auf der Hand: ein regelmäßiges Einkommen inklusive bezahltem Urlaub. Damit wir uns darauf nicht ausruhen, macht das in der Regel aber nur einen Teil des Gesamteinkommens aus und wird durch einen variablen, erfolgsabhängigen Anteil ergänzt. Der kann je nach Arbeitsvertrag und Monatsergebnis gerne mal die Hälfte oder sogar mehr des Gesamteinkommens ausmachen. Oder auch nichts – wenn der Urlaub zu lang ist oder die Erfolge ausbleiben. Aber in diesem Fall ist auch der Festanteil meist bald weg, denn welche Firma leistet sich schon dauerhaft einen erfolglosen Verkäufer?

Natürlich hören die Vorteile beim Gehalt nicht auf. Produktschulungen, Marketing, Werbung, oft auch Innendienst, Call-Center-Unterstützung, Buchhaltung – das alles sind Dinge, über die sich der angestellte Verkäufer in der Regel nicht den Kopf zerbrechen muss. Und auch die jährliche Steuererklärung fällt eher unproblematisch aus und hält wenig Überraschungen bereit. Dazu kommen Themen wie Firmenwagen, IT-Ausstattung, Diensthandy… die Liste ließe sich sicherlich beliebig fortsetzen.

 

Übrigens: wer bis jetzt den Begriff „sicherer Arbeitsplatz“ vermisst hat, der möge bitte Absatz zwei noch mal lesen. In kaum einer Branche ist die Fluktuation so hoch wie im Vertrieb. Aber auch überall sonst gilt: berufliche Sicherheit durch Strukturen gibt es nicht. Punkt. Sicherheit gibt es nur durch eigenes Handeln, aber dazu kommen wir noch mal bei der Selbständigkeit.

 

Nun zu den Nachteilen. Ganz oben auf der Liste vieler Angestellter: der Chef. Außerdem je nach Firma: feste Arbeits- oder sogar Präsenzzeiten, ein ausuferndes Berichtswesen und ebensolche Meetings, die Einbindung in Hierarchien und Prozessketten und die Neigung mancher Vertriebsleiter zum Mikromanagement. Eben all das, was das Angestelltendasein manchmal zum Hamsterrad werden lässt. Glücklich, wer da mit Home Office, guter Innendienstunterstützung und einem fähigen Vertriebsleiter (und die sind gar nicht mal so selten!) auf der Schokoladenseite landet. Wenn dann auch noch Erfolge und somit Provisionen nicht ausbleiben, ist ein breites Grinsen garantiert.

 

Wer sich damit nicht anfreunden mag, der arbeitet als Selbständiger – entweder als Handelsvertreter für ein Unternehmen oder als Einzelunternehmer mit einem eigenen Portfolio. Jetzt könnte man es sich einfach machen und die Vor- und Nachteilsliste einfach mit umgekehrten Vorzeichen wiederholen. Aber stimmt das auch? Zumindest bei der Variante „Handelsvertreter“ sind die Grenzen zum angestellten Verkäufer ja oft fließend. So wie nicht alle der oben genannten Punkte für den Angestellten zutreffen, so können andererseits viele davon für den Handelsvertreter sehr wohl gegeben sein. Unterschiede liegen da höchstens in der Tendenz. Letzten Endes muss hier jeder Einzelfall und jeder angebotene Vertrag für sich betrachtet werden.

 

Grundsätzlich anders stellt sich die Lage für den Einzelunternehmer dar. Hier liegt die Gestaltung der beruflichen Tätigkeit komplett in der eigenen Hand – und damit auch der gesamte Arbeitsanfall. Vom Einkauf, Administration, Logistik, Weiterbildung und natürlich der Verkauf zu selbst definierten Preisen an selbst akquirierte Kunden. Alle Arbeit, alle Risiken und alle Chancen. Niemand mischt sich ein, niemand redet rein. Unternehmerische Freiheit eben. Die auch ihre Schattenseiten hat: keine bewährten Strukturen, kein Grundgehalt, keine Absicherung, kein Urlaubsanspruch.

 

Ist das dann weniger Sicherheit? Auf den ersten Blick schon. Allerdings ist auch die Sicherheit des Angestellten trügerisch und wird zudem mit der Aufgabe der eigenen Freiheit bezahlt. Aber was ist das – Freiheit? Den eigenen Tagesablauf selbst bestimmten zu können gehört sicherlich dazu. Aber vielleicht ja auch das Recht, abends,am Wochenende und im Urlaub abzuschalten? Sich weniger Sorgen um die Vorsorge für Alter und Krankheit machen zu müssen? Auch das kann man ja durchaus als Freiheit empfinden. Also auch hier wieder kein eindeutiges Bild.

 

Und wie denn auch. Denn schließlich lebt jeder von uns nach seinen eigene Werten. Bei der Beantwortung der Eingangsfrage „Selbständig oder angestellt?“ hilft also nur eines: seine eigenen Werte, seine eigenen Erwartungen, Wünsche und Ziele erforschen, die Möglichkeiten und Angebote kritisch zu prüfen und sich dann für das zu entscheiden, das den eigenen Vorstellungen am besten entspricht. Und dabei immer im Hinterkopf zu behalten, dass jedes Ding mindestens mal zwei Seiten hat – auch der neue Job oder die anstrebte Selbständigkeit. Letzten Endes wird es also darum gehen, abzuwägen: wie viel Sicherheit, wie viel Freiheit will ich, und was bin ich dafür bereit zu riskieren?

 

Noch mal ein Wort zur Sicherheit. Die verbindet man ja üblicherweise mit dem „sicheren Arbeitsplatz“ des Angestellten – noch immer, obwohl kaum noch jemand sein Leben lang bei einem Unternehmen bleibt. Und im Vertrieb ist die Fluktuation besonders hoch. Einigermaßen sicher ist nur, wer erfolgreich ist. Und da liegt vielleicht der Hauptunterschied: der Angestellte muss nach fremden Maßstäben erfolgreich sein, der Selbstständige kann seine eigenen setzen. Und für beide bleibt eine mehr oder weniger große Restunsicherheit, die man „Leben“ nennt. Also: genießen wir sie, denn sie bietet die Chance auf neue Perspektiven und Weiterentwicklung. Das fällt übrigens auch wieder leichter, wen ich weiß, wer ich bin und was mich antreibt – Stichwort: Werte und Ziele.

 

Leben wir also los – egal ob selbständig oder angestellt!

 

 

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